Vergangene Schulzeit in Münster (am Beispiel Städterpenne!)

Liebe Leserinnen und Leser unseres Internetauftrittes!

 

Dr. Volker Ladenthin, heute Professor für Systematische und Historische Erziehungswissenschaft an der Uni Bonn, einer der bekannteren Bildungsforscher in unserem Lande, ist kein Pauliner: Er hat 1971 Abitur am Ratsgymnasium zu Münster gemacht, an unserer alten "Städterpenne". Aber seine Erfahrungen decken sich mit vielen Eindrücken jener Generation auch an unserer Schule. Im vergangenen Jahr hat Volker Ladenthin in der "Rendalia", der Zeitschrift der Altschülerschaft des Ratsgymnasiums, einen bemerkenswerten Artikel veröffentlich, in dem er sich mit der eigenen Schulzeit beschäftigt und der Frage nachgeht, "warum auch meine anderen Mitabiturienten ab Jg. 1971 nicht zum jährlichen Abitreffen kommen".

 

Dies ist eine Frage, die auch uns Pauliner interessieren muss, wenn wir auf die geringer gewordene Begegnungsbreite unserer Farbenfeste schauen.

 

Durch Vermittlung von Dr. Rutger von der Horst (Münster) , dem 1. Vorsitzenden der "Rendalia" konnten wir Kontakt mit Prof. Ladenthin bekommen. Er hat uns freundlicherweise die Übernahme seines Artikels auf unsere website gestattet. Dafür sei herzlichst gedankt.

 

Seitens des Siebener-Ausschusses erhoffen wir uns aus der Begegnung mit diesem interessanten Text eine Diskussion unter unseren Alt-Paulinern, vielleicht sogar die Verfassung eigener Texte und Erinnerungen zu diesem spannenden Thema der Umbruchjahre zwischen 1960 und 1980. Nicht zu vergessen: Die Abiturientien dieser Jahre gehen zur Zeit in den Ruhestand. (spe)

 

 

Von Prof. Dr. Volker Ladenthin, Universität Bonn

 

1. Die Bildungsboomer Jahre

Zwischen den Jahren 1963 und 1964 wurde in NRW die Aufnahmeprüfung für Gymnasien abgeschafft, und nun konnten Eltern ihre Kinder, ohne dass die Viertklässler ein einwöchiges Auswahlverfahren durchstehen mussten, einfach am Gymnasium anmelden. Meine Eltern meldeten mich am „Rats“ an, weil die meisten Kaufleute der Innenstadt ihre Jungs da anmeldeten und es außerdem einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig gab.

 

2. Eingegliedert und ausgesondert

Am ersten Schultag, einem kalten aber sonnigen Tag im April, stand ich mit meiner Mutter einsam unter mindestens 400 uns völlig unbekannten Schülern und Eltern auf dem Asphalt-Schulhof am Bohlweg. Es hatte zuvor eine Messe im überfüllten Klösterchen gegeben, dann wurden wir per Liste in Klassen aufgeteilt und bekamen einen Stundenplan. Am nächsten Tag ging es los. Die erste Hausaufgabe, an die ich mich erinnere (es mag andere gegeben haben): Nacherzählung einer griechischen Sage aus Benders Deutschem Lesebuch. Meine Eltern waren ratlos. Ich auch. Wie macht man so etwas? Und wer um Himmels Willen war dieser Pro-me-the-us? Eine der ersten Zurechtweisungen bekam ich von unserem jungen engagierten Lateinlehrer: Ich bemerkte im Unterricht, dass wir an der Volksschule (so hieß damals, was heute Grundschule heißt) andere Worte in der Grammatik verwendet hatten als jetzt im Lateinunterricht: „Dann würde ich an Deiner Stelle an die Volksschule zurückgehen und da bleiben.“ Der Übergang von einem Schultyp zum anderen war eher ein Sprung: „Ich heiße nicht Frollein, ich bin Frau Dr. Kluck!“. Wir waren 42 Schüler in der Klasse. (In der Volksschule waren wir 52 gewesen.) Das Rats war die Schule, die am weitesten von meinem Elternhaus auf der Sentrupper Höhe entfernt war. Ein gerade hinzugezogener Nachbarjunge bot sich an, mit mir die ersten Wochen gemeinsam auf dem Rad zur Schule zu fahren. Am Ende fuhr ich allein mit dem Velo.

 

Einige der Schüler in „meiner“ Klasse kannten sich von der Volksschule her und behielten so noch ihre Gruppenidentität, andere kamen vom Land, aus Stewert (Drensteinfurt), Telgte und Wolbeck. Die standen Sommers wie im Winters um 6 Uhr an den Landstraßen ihrer Bauernhöfe, warten auf den Überlandbus, fuhren zum Bahnhof, dann mit dem dunkelroten Triebwagen nach Münster und gingen anschließend zu Fuß die eineinhalb Kilometer von Bahnhof zur Schule. Bei manchen kamen die Züge so ungünstig, dass sie sechs Jahre lang jeden Morgen 15 Minuten zu spät kamen und sechs Jahre lang jeden Mittag 20 Minuten vor Schulschluss die Klasse verlassen durften. Da waren „urige Typen“ (so hieß das damals) dabei: „Wo komms `enn weg, ey?“ fragten sie mich. Sowas wie Stewert oder zumindest einen Bauernhof hatte ich nicht zu bieten. Da war man uninteressant. Das Abitur hat keiner von ihnen geschafft. Ausgesondert.

 

Einige Schüler betrachteten die Schule als reine Formsache, ihre Väter waren Akademiker, und es war für sie selbstverständlich, dass ihnen das Abitur zustand. Kinder von Kaufleuten gab es dann nur wenige in der VI d, dafür aber viele Jungs aus den Haushalten der für Münster typischen Beamten und Angestellten an den Behörden, und schlicht aus dem Einzugsbereich des Rats --- insgesamt war die Klasse eine völlig inhomogene Schar in Bezug auf Leistungsfähigkeit, Herkunft, sozialem Stand und Stadtteil. Wohl zum ersten Mal im Gymnasium, wo man noch einige Jahre zuvor das Pennälerkäppchen getragen hatte. Zusammengewürfelt waren die Kinder mit unterschiedlichem finanziellen Hintergrund - einmal war ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, da ging’s in einem dunkelgrünen Mercedes 300 SE Cabrio mit braunen Ledersitzen zum Nobelhotel Wilkinghege, wo wir als 12jährige Jungs im Park Fußball spielen und den gepflegten Rasen ruinieren durften. Ein anderer Freund wohnte mit den Eltern und weiteren drei Brüdern in einer Dreizimmerwohnung. Die Eltern schliefen im Wohnzimmer. Ein Vater war Bahndirektor – andere hatten keinen Vater. Als die Flower Power Zeit kam, sah man, wer reich war und sich bedruckte Felljacken, Lewis-Jeans und Wildleder-Boots mit Fransen leisten konnte oder aber in den abgewetzten C&A-Cordhosen vom vorigen Jahr ankam. Manche spielten Querflöte, andere flohen auf ihren Militär-Motorrädern vor allem, was nach Kunst aussah. Manche kamen aus großbürgerlichen Clans, stadtbekannt, und manche aus kleinbürgerlichen Familien…und durch den Ausfall der Aufnahmeprüfung war auch das Leistungsniveau extrem heterogen: „Geh doch auf’m Bau!“ Im Kurzschuljahr 1966/67 blieben in meiner Klasse 12 von 42 Jungen sitzen. Ich weiß es nicht mehr genau …aber nach meiner Erinnerung starteten wir fünfzügig (VI a – VI e, also mit über 210 Schülern), und 108 haben das Abitur bestanden. (Aber das kann man bestimmt genau nachprüfen.) Schulgemeinschaft? Wie viele Freunde sind abgegangen…und wie viele sind da geblieben, mit denen man nichts gemein hatte als die Klasse, in der man zufällig zusammen saß?

 

3. Der Lehrer trank irgendwo Grog

1965 haben noch alle Ratsschüler an Münsters großer Pest- und Brandprozession teilgenommen, in der - sorgfältig nach Schulen sortiert – viele Schülerinnen und Schüler mitgingen. Man stand für seine Schule. Danach gab es das nicht mehr. „Wo komms `enn weg, ey?“ – „Wichtrupp!“ So hieß die von Ratsschülern am meisten frequentierte Tanzschule.

 

An Wandertage kann ich mich nicht erinnern, wir haben sie bestimmt genervt überstanden – aber nur die von der Volksschule zu den Externsteinen, den Baumbergen, den Wildpferden im Merfelder Bruch, zur Bockwindmühle , zum Schiffshebewerk Henrichenburg sind mir im Gedächtnis geblieben. Am Rats-Gymnasium gab es so etwas nicht. Da waren es später die Fahrten zu den Recklinghäuser Ruhrfestspielen mit unserem Deutschlehrer Frenzel, die für mich unendlich aufregend waren: Großes Theater, einmalige Schauspieler, seltene Stücke, zuvor dann ein Museumsbesuch, Pop-Art, das Bergbaumuseum in Bochum …aber ich glaube, es gab nicht viele, die danach vor innerem Brand nicht schlafen konnten und alle Stücke gekauft und nachgelesen haben. Klassenfahren gab es zwei, eine nach Norderney, wo wir – völlig alleingelassen; der Lehrer trank irgendwo Grog – aufgeteilt in Cliquen albern über die Insel vagabundierten. Die andere Fahrt ging nach P., 1972 wohl, wo die Skifahrer Ski fuhren und die anderen (von der Acid-Clique) langsam das Hotel in seine Bestandteile zerlegten. Da konnte man nur flüchten und sich zurückziehen („Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter“). Nach England („Margate“) ging es, aber nur mit Auserwählten, und man wusste nie, wie man auf diese Liste kam. Die Knickerbocker Glories und London waren toll: Status Quo vor 50 Leuten für ein paar Shillings im Ballroom, und Pink Floyd im Hyde Park. Für lau.

 

4. Raue Sitten

Ich kam am Anfang mit dem neuen System Gymnasium nicht zurecht und träumte mich durch die Tage und Jahre. So lernt man nicht gut. Es gab überraschende Klassenarbeiten, in militärisch ausgerichteter Sitzordnung und überwacht wie ein Straflager. Vokabeln wurden öffentlich abgefragt, man musste bei Antworten aufstehen: „Ladenthin!“ …. “Gut. Setz Dich!“ Oder eben nicht gut, zur öffentlichen Blamage freigegeben. Wenn wir unseren Mathematiklehrer – wohl eher in der Mittelstufe – fragten, warum wir dieses und jenes lernen müssten, pflegte er jedes Mal zu antworten: „Wenn dir das nicht passt, geh doch auf’m Bau!“ – wobei der falsche Kasus die Verachtung unterstreichen sollte, die er für eine solche Berufswahl empfand. Klassenarbeiten wurden nach Noten sortiert zurückgegeben – zuerst die Einser. Qualvoll. Die Fünfer und (stets zahlreichen) Sechser wurden vom Lehrer den Schülern zugeworfen, oft durch die halbe Klasse, mit verächtlichem Blick und ebensolchem Kommentar. Noten wurden am Halbjahresende öffentlich vorgelesen. Ein Schlachtfest. Die Schande war für alle offenbar…und das hat man nie vergessen. Man wurde als schlechter Schüler bloßgestellt, und als guter Schüler saß man vorne, in der Bank am Pult und die Lehrer zwinkerten den Kollegenkindern zu: Wir verstehen uns. Eine Gemeinschaft wurde aus solchen Klassensystem nie. In den Pausen warf man Wasserbomben aus dem ersten oder zweiten Stock auf den Schulhof – mit Wasser gefüllte Plastiktüten, die zumeist ahnungslose Sextaner trafen, die dann einen feuchten Vormittag zu durchleben hatten. Einmal wurde jemand dafür bestraft. Er musste zum „Chef“.

 

Überhaupt ging es rau zu, man bewarf irgendjemanden, der vor sich hin stierte, mit einem tropfnassen Tafelschwamm, und einmal schlug mir mein langjähriger Sitznachbar die Nase blutig, weil er nunmehr die Tür für den Lehrer aufhalten wollte und mich als störend empfand, weil ich das gleiche wollte. Ich war kurz bewusstlos, ein anderer Freund half mir zur Tankstelle gegenüber (nie wäre ich ins Sekretariat gegangen), und ich rief meinen Vater an, der mich mit einem Lieferwagen abholte und zum Kinderarzt brachte. Gehirnerschütterung. Seit der Zeit bin ich kurzsichtig. Nach einem gelungenen Referat über die Beatles wurde der referierende Mitschüler von einem Mitglied seiner alten Clique die Treppe im dritten Stock herabgestoßen – zum Glück fingen ihn einige auf.

 

Natürlich ließen die Guten die anderen ihre Hausaufgaben abschreiben, vor der Schule auf der Toilette oder beim (verpflichtenden) Gottesdienst im Klösterchen. Wenn man in den Seitenflügeln einen Platz gefunden hatte, hatte man vierzig Minuten Zeit. Wir tauschten auch schon mal die Hefte, damit nicht immer die gleichen ohne Hausaufgaben auffielen. Verpetzt haben wir nie jemanden.

 

Auf den Schulhof standen die Oberstufenschüler auf den Waschbetonplatten in der Nähe des Haupteingangs. Wenn man als Sextaner da vorbeiging, kam meistens ein Tertianer und schubste einen in die Gruppe der Oberstufenschüler. Die quittierten diesen Einbruch in ihre heiligen Kreise dann mit Fußtritten und Gegröhle. Man freute sich also auf die Mittelstufe, aber als wir da ankamen, gab es diesen Ritus nicht mehr, und als wir in der Oberstufe waren, interessierten uns die Kleinen nicht mehr. Bei uns ging es inzwischen gegen Vietnam und gegen den Muff überhaupt.

 

Einmal wurde jemand in eines der Aquarien gestoßen, die am Eingang standen - das Wasser floss durchs Schulgebäude. Die Versicherung hat alles geregelt. Weil es beim Hausmeister nur Milch und Kakao, später auch Apfelsaft gab, sind wir zum Bäcker („Gausepohl“) gegangen und haben Punschballen (zehn Pfennig das Stück) gekauft – obwohl es verboten war, den Schulhof zu verlassen. Wenn Lehrer sichtbar Aufsicht führen (selten genug), sind wir durch den Hintereingang am Fahrradkeller zurückgekehrt. In der Mittelstufe sind wir dann gleich zu Tchibo in die Salzstraße gegangen, Tasse Kaffee 20 Pfennig. Man schaffte den Hin- und Rückweg innerhalb der großen Pause, wenn jemand etwas früher schon für alle vorbestellt hatte. Oder wir schwänzten die nächste Stunde. Wir waren der festen Ansicht, dass wir genau wüssten, welche Stunden sich lohnten.

 

In der (reformierten) Oberstufe (ab 1969/70) lösten sich die Klassenverbände endgültig auf. Man konnte Kurse wählen und sich eine Art Uni-Programm aus einem hektographierten Vorlesungsverzeichnis zusammenstellen. Jede Stunde wechselten die Kurse und damit die Zusammensetzung der Lerngruppe. Das war wirklich altersgemäß, hatte allerdings zur Folge die Schwächung eines „Wir-Gefühls“. Die Ruder-Riege-Ratsgymnasium band noch einige. Im Sommer jedenfalls, auf dem Dortmund-Ems-Kanal. Der nicht weiter auffallende ND um „Goofy“ fesselte andere. Es gab eine progressive-Rockmusik-Clique um „Bomber“, eine Acid-Clique um „Männlein“, eine Motorradclique um „WoWo“, die Kneipen-Doppelkopp -Fraktion um „Bobby“, die gemäßigt  Politisierten um „Huse“ und „Flori“, die Polit-Clique des SK-M/L (Schüler-Kollektiv Marxisten/Leninisten), die regelmäßig provozierende Wandzeitungen nach rotchinesischem Vorbild neben dem Toiletteneingang anbrachte. Diese Angriffe auf das System der BRD wurden von einigen Lehrern demonstrativ abgerissen, was mich zu einem Gedicht veranlasste, eine Parodie auf „Großer Gott, wir loben dich“ (nur ersetzte ich den Namen Gottes durch den des Lehrers), das – immer wieder kopiert - immer wieder ans schwarze Brett gehängt und dann abgerissen wurde und mir kurz vor dem Abitur eine ernste Ermahnung einbrachte. Ich bewegt mich zumeist in einem (logischerweise losen) Verbund antiautoritärer Individualisten, deren beste Freunde nicht am Rats, sondern in der Stadtbücherei und auf Schallplatten anzutreffen waren: Bob Dylan („It ain’t me“), Insterburg & Co („Wir sind verlauste Affen“), Werner Enke („Wird böse enden“), Hannes Wader („Weil nichts bleibt, wie es ist“), Leo Trotzki („Die permanente Revolution“), John („I’m the walrus“) Lennon, Hermann Hesse („Steppenwolf“), A. S. Neill, Hans Magnus Enzensberger und vor allem Peter Handke, dessen frühe Texte wir mit uns herumtrugen: „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ und natürlich die „Publikumsbeschimpfung“. Es gab die Gruppe um „Adorno“, der so hieß und ihn schon kräftig las - alle bei der Studienstiftung des deutschen Volkes. Und schließlich gab es die vielen Einzelgänger, die kameradschaftlich untereinander verbunden waren, im Verein vielleicht oder privat – ich weiß das nicht. Sie bildeten die immer schweigende Mehrheit in den Klassen und schrieben kontinuierlich die guten Klassenarbeiten. Wenn man bei „Eugen“ eine Freundin gefunden hatte, dann wurde die rein männliche Schulclique völlig unwichtig, man wanderte durch den Schlossgarten oder die Baumberge und tauchte in die fremdartigen, rein weiblichen Grüppchen der Marien- oder Anetteschule ein – eine völlig unerforschte Welt. Für’s Rats war man dann zeitweise völlig verloren. Die Gruppen sprachen nicht miteinander, manche Einzelgänger schwirrten in mehreren Gruppen herum – aber man kannte sich gegenseitig nicht sehr gut. Zukunftsfähig war keine diese Gruppen. Sie zerfielen sofort nach dem Abitur.

 

5. Tschäsare und Tschitschero

Einige Lehrer schlugen noch. Da zischte plötzlich wie aus dem Nichts eine Hand zur Backe und es gab eine Ohrfeige, „die sich gewaschen hatte“. (Ich habe nie eine bekommen, hatte aber maßlose Angst vor einem Deutsch- und einem Musiklehrer, die für ihre flinke Rechte bekannt waren.) Andere Lehrer schienen es zu bedauern, dass Deutschland den Krieg „verloren“ hatte und erzählten die ganze Unterrichtsstunde von alten Schlachten, die hätten gewonnen werden können. Sie taten das sehr oft, wenn man sie nur geschickt genug darauf ansprach. Im Latein las ein Lehrer die klassischen Texte so vor, wie ein Italiener „sie sprechen würde“: „Tschäsare, Tschitschero … Ich fahre ja auch nicht nach Bolock-na oder ins Tikino!“). Einige Lehrer waren demonstrativ desinteressiert. Ein Englischlehrer, der viel lieber auf Deutsch vom Tennis sprach, schwätzende Schüler mit seinem dicken, lederummantelten Schlüsselbund bewarf, das auch mal den Kopf traf, zeigte gelegentlich in der sechsten Stunde seinen nackten Bauch, klatschte mit beiden Händen drauf und sagte: „Hat viel Geld gekostet.“ Der Sportunterricht wurde oft (wenn überhaupt) mit der Trillerpfeife strukturiert. Meistens spielten wir – zumindest in meiner Erinnerung – Sitzfußball. Der Hallenboden war danach sauber. Mannschaften wurden durch Wahl zusammenstellt, zwei gute Schüler durften sich ihre Lieblinge aussuchen. Die anderen blieben auf den hellbraunen Bänken am Rande des Spielfeldes sitzen und sahen zu. Einmal ging es ganz besonders militärisch zu, da haben wir dann einen Protestbrief verfasst („militaristische Umdeutung des Sports“), aber das wurde aufgefangen, wir bekamen ganz schnell einen anderen Sportlehrer, und der war dann nett und veranstaltete sportliche Spiele. Wir fühlten uns ernst genommen. Einige Lehrer kamen das halbe Jahr lang über die erste Stunde nie hinweg, immer das gleiche Tafelbild. Ob all diese Lehrer verheiratetet waren? Kinder hatten? Ich weiß es nicht.

 

6. Ohne Mätzchen

Aber ich habe sehr, sehr viel gelernt in der Schule. Mir hat das Rats eine völlig neue Welt geöffnet – und das lag an den Deutschlehrern Sämmer und Frenzel, die mir zeigten, wie man Texte interpretiert und aus einem Komma eine ganze Welt an Bedeutungen gewinnt: „Der Mensch denkt. Gott lenkt.“ / “Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ Ich zehre noch heute von diesem Brot der frühen Jahre. Wir hatten in Pfarrer Gottmann und Maria Berief phantastische Religionslehrer, die uns wirklich herausforderten und, der beste von allen, in Dr. Christian Schneider einen Geschichtslehrer, bei dem wir schon in der Mittelstufe Wissenschaftspropädeutik erfahren konnten. Im Englischunterricht durchpflügte Bernd Krüger die Literaturgeschichte und interpretierte mit uns Texte vom Barock bis Bob Dylan, James Baldwin und Virginia Woolf – deren Romane man sich sofort besorgte. Der Mathematiker Niemann (er hatte bei Nixdorf gearbeitet) verzichtet in der Mathematik auf Mätzchen („Anwendung“) und provozierte uns zum abstrakten Denken, und bei Zurmühl lernten wir die ganze moderne Musik kennen, von Schönberg bis Stockhausen. Unerhört bis dahin. Das Rats war für mich der 6. Kontinent. Und seine Entdeckung hat mir wirklich das Leben gerettet. Bis heute.

 

7. All tomorrow's parties

Die Schule begann um 10 vor acht und war 20 nach eins zu Ende. Und zwar völlig. Zum Ort hatte ich keinen Bezug. Die Wände in den Klassen waren kahl, Plakate (Che Cuevara, The Lords) wurden abgerissen, Blumen gab es nicht, die ausgebleichten Vorhänge waren zerschlissen. Es gab keine Kantine, keinen Aufenthaltsraum, eine winzige Bibliothek, in der Pädagogikkurse abgehalten wurden.

 

Ich habe mir nie ein Buch dort ausgeliehen. Es gab keine Schulfeste, keine Klassenparties. Keine Theateraufführungen, kein Schulorchester. Manchmal hatten wir am Nachmittag Sport, aber das haben wir nicht ernst genommen: Schule war vormittags. Der Nachmittag gehörte uns. Die privaten Abiparties blieben privat. Es kamen die zu einem, die immer zu einem kamen. Oder man ging zu Eugen (Wichtrup) bzw. in die Lila Eule.

 

Nur zwei Lehrer haben einige von uns einmal privat besucht, Herrn Frenzel, der uns seine traumhafte Miniatureisenbahn zeigte und durch seine wunderschöne Bibliothek („edition suhrkamp vollständig bis Band 100“) führte. Und Dr. Christian Schneider – aber ich glaube, bei diesem Besuch hatten wir das Abi schon hinter uns. Ich war in den Jahren von 1964 bis 1973 vielleicht drei Mal auf dem durch Glastüren abgetrennten Lehrerflur, nie im Lehrerzimmer, einmal bei Rektor Mattonet (wegen des Gedichts). Ich wüsste nicht zu sagen, wie die Sekretärin hieß. Das letzte Mal war ich 1973 im Rats, vor über 40 Jahren, um mein Abi-Zeugnis abzuholen. (In der Volksschule war ich noch ganz oft seit der Zeit. Und wir treffen uns noch gelegentlich, jedenfalls viele von den 52 Kindern.)

 

8. Fortran IV

Die Vergabe der Abi-Zeugnisse fand früher immer im Friedenssaal des Ratshauses statt. Das wollten wir nicht: Plötzlich so tun, als ob wir eine tolle Gemeinschaft gewesen wären? Das waren wir nicht. Dabei meine ich, dass das Rats in gewisser Hinsicht perfekt war: Wenn man wollte, konnte man dort alles wichtige Wissen und Können lernen. Zumindest für mich war das Rats ab Untersekunda die perfekte Schule (warum es vorher nicht geklappt hat, weiß ich nicht): Das Rats machte ein fachlich kompetentes Angebot, erweiterte erheblich Wissen und Können, bereitete passgenau auf die Uni vor (besonders nach der eindrucksvollen Oberstufenreform – das war schlicht großartig, wurde leider entschärft beendet)…und ließ einen ansonsten in Ruhe. Ich habe parallel zur Schulzeit so viel gelesen, wie später nie wieder in meinem Leben, ganze Abteilungen der Stadtbücherei, dazu war Zeit. Besonders die Abteilung mit Büchern über moderne Kunst, die Politik und die ausländischen Literaturen. Wir haben uns politisch engagiert (Floh de Cologne im Lindenhof), zahllose Konzerte in Münster besucht (Franz Josef Degenhardt, zuvor im Deutschunterricht besprochen), moderne Orgelmusik (Olivier Messiaen) in der Apostelkirche, Krautrockgruppen (Tangerine Dream im H1), Theater (Davor von Günter Grass, Guerillas, von Rolf Hochhuth), Autorenlesungen (Peter Handke), wir haben nächtelang diskutiert (Schwarzes Schaf), in der Kurbelkiste alles gesehen, was es an Filmklassikern (Faust) , Neuem Deutschen Film (Alle Jahre wieder) und Avantgarde (Wenn Katelbach kommt) gab, zumeist zwei Filme hintereinander, von 23.oo Uhr bis 3.oo Uhr), haben selbst Filme gedreht, uns einen UB-Ausweis besorgt, Fortran IV am Mathematischen Institut in einer Vorlesung zu lernen versucht, für die Kursarbeiten bei Dr. Schneider die Bibliotheken des Historischen Seminars durchforstet …und alles war immer durch die Schule ausgelöst. In der Mittel- und Oberstufe gab es immer etwas Neues, was einen losrennen ließ, um es nachzulesen, nachzuhören und zu besprechen.

 

9. Generalüberholt

Wenn ich all das bedenke und zusammenführe, dann würde ich folgende Gründe anführen, die erklären könnten, warum auch meine anderen Mitabiturienten ab Jg. 1971 nicht zum jährlichen Abitreffen kommen: Wir waren keine soziale und intellektuell homogene Gruppe mehr wie die

Jahrgänge zuvor. Weder hatten wir die gleiche Herkunft noch das gleiche Ziel. Wir können uns nichts erzählen. Die Schule hat die neue Heterogenität nicht durch ein gestaltetes Schulleben aufgefangen – das wir allerdings auch gar nicht gewollt hätten. Wir waren alle Steppenwölfe – d.h. Individualisten, wie es sie wohl vorher und nachher nicht noch einmal gab. Feste Gruppen waren uns verdächtig, überhaupt Kollektive. (Das hatten wir auch so im Deutschunterricht – im Besuch der alten Dame, in Andorra, in den Kurzgeschichten über Weltkrieg 2 - besprochen: Kriege begannen durch Unterordnung.) Die Schule war ebenso sachbezogen wie die Lehrer: Alles war gut geregelt, anspruchsvoll, horizonterweiternd, aber man konnte keine Beziehung aufbauen, weder zu den Lehrern noch zu dem Gebäude. Zur Institution. Erst vor ein paar Jahren habe ich gelesen, dass Oberstudiendirektor Mattonet sehr bewusst gegen die Nazis engagiert gewesen war. Darüber hätte ich gern mit ihm gesprochen. Nun ist er verstorben.) Und schließlich sorgte die Schule dafür, dass die Heterogenität so blieb wie sie war: Die Guten (augenzwinkernd) ins Töpfchen, die Schlechten (kopfschüttelnd) ins Kröpfchen. Was sollen wir uns erzählen? Dass wir das gut fanden? Dass wir das bescheuert fanden?

 

Aber letztlich ist etwas anderes entscheidend. Ein Kulturschock, der bis heute wirkt. Ab 1964 stand jung gegen alt, die Beatles gegen Herbert von Karajan, die Stones gegen Jacques Loussier, später Rudi Dutschke gegen Martin Luther King und John F. Kennedy. Lange Haare gegen kahlrasierten Nacken. Rolli gegen Schlips. Schlaghosen gegen Hosen mit Umschlag. Das war unsinnig und ungerecht, aber es war nötig. Ein paar Referendare (der rühmliche Herr Richter) brachen diese Dichotomie auf, suchten zu vermitteln. Aber genau das wollte niemand. Man fühlte sich wohl und im Recht in der Fundamentalopposition. Das Ganze lief wunderbar bis 1970, bis zu den Kugeln auf Rudi Dutschke, zu Altamont, den Baader-Meinhof-Morden, der SPD-Berufsverbots-Initiative, der beginnenden extremen Jugendarbeitslosigkeit und den vielen, die nun als klinisch Abhängige aus der Kifferseligkeit übriggeblieben waren. Der Brunnen verwaiste, Tschibo erhöhte die Preise für eine Tasse Kaffee. Zuerst schienen das alles nur Ausnahmen, dann aber wurde klar: Es war der neue Trend. Die Wende. Aus den Beatles wurde Apple Ltd. Aus progressivem Rock wurde Disco. Die ehemaligen heimatlosen Outlaws wurden zur greatest show on earth. Aus dem beat-club (dem Club der Geschlagenen) wurde ein Musik-Laden (der Geschäftemacher). Spätestens 1973 war 1968 völlig kaputt. Allen dämmerte das, ohne dass es jemand wahr haben wollte. Aus Radikalverweigern wurden nun recht zügig Anwälte, Lehrer, Ingenieure, Apotheker, Ärzte und Arbeitslose. Die langen Haare wichen bald den Stirnglatzen. Die US-Parkas dem feinen Zwirn oder der Freizeit-Jeans. Generalüberholt. Wohl in keiner Generation war der Bruch zwischen dem Selbstbild als Schüler und der Realität als Berufstätige größer als in unserer Generation. Wer will sein verwandeltes Selbst so im Anderen sehen? Wer tut sich das an?